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Market View

Market View 2026

„Market View“ ist die regelmäßige Publikation unseres Managementteams, die fundierte Einblicke in die Entwicklungen an den Finanzmärkten und in der Wirtschaft bietet. Mit Analysen, Kommentaren und Ausblicken unterstützt sie Sie dabei, Chancen und Risiken besser zu beurteilen und informierte Entscheidungen für Ihr Portfolio zu treffen.

Suche nach Gleichgewicht

ANALYSE - Die Konjunktur ist weiter robust, die Inflation hartnäckig. So bleiben Zinsen und Anleiherenditen unter Aufwärtsdruck. Währenddessen steht der KI-Boom vor seinem Belastungstest und politische Entwicklungen werden zum Marktrisiko. Finden die Märkte ein tragfähiges neues Gleichgewicht?

1. Oktober 2026

Die Weltwirtschaft präsentiert sich widerstandsfähiger als erwartet. Für die Finanzmärkte ist das allerdings nicht uneingeschränkt positiv. Solange Wachstum und Beschäftigung nicht deutlich nachgeben, dürfte auch der Inflationsdruck anhalten und die Notenbanken zu einem längeren restriktiven Kurs zwingen. Entscheidend ist deshalb, ob die Teuerung sinkt, ohne dass sich die Konjunktur verschlechtert.

Konjunktur hält sich besser als erwartet

In den USA sind Wirtschaft und Arbeitsmarkt weiterhin in sehr gutem Zustand. Im August entstanden außerhalb der Landwirtschaft rund 162.000 neue Stellen. Die Arbeitslosenquote lag bei 4,1 Prozent, die Verbraucherpreise stiegen im Jahresvergleich um 3,4 Prozent. Auch die ISM-Indizes signalisierten sowohl für die Industrie als auch für den Dienstleistungssektor weiteres Wachstum.

Im Euroraum fällt das Bild verhaltener aus. Der Einkaufsmanager-Index legte im September zwar auf gute 53,1 Punkte zu und deutete damit auf eine moderate Expansion hin, rückläufige Einzelhandelsumsätze unterstrichen jedoch die anhaltende Schwäche der Binnennachfrage. Zugleich beschleunigte sich die Inflation, vor allem wegen höherer Energiepreise, von 2,9 Prozent im Juli auf 3,3 Prozent im August.

Eine globale Rezession zeichnet sich vorerst nicht ab. Die Ausgangslage dies- und jenseits des Atlantiks unterscheidet sich jedoch deutlich: Die USA können restriktive Finanzierungsbedingungen besser verkraften, während Europa anfälliger für Nachfrageschwäche und neue Angebotsschocks bleibt.

Ölpreis bringt Stagflation zurück auf die Agenda

Nachdem sich die Lage an den Energiemärkten über den Sommer etwas entspannt hatte, sind die Öl- und Gaspreise zuletzt erneut deutlich gestiegen. Der Konflikt mit dem Iran, Einschränkungen des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus, die Spannungen im Roten Meer und Angriffe auf die saudische Energieinfrastruktur beeinträchtigen die Zuverlässigkeit der wichtigsten Exportrouten am Persischen Golf.

Im August sank die weltweite Ölförderung um 1,6 Millionen Barrel pro Tag. Gleichzeitig gingen die erfassten Lagerbestände um weitere 95 Millionen Barrel zurück. Brent-Rohöl kostete im August durchschnittlich rund 91 Dollar je Barrel und überschritt in der ersten Septemberhälfte zeitweise die Marke von 100 Dollar.

Die Folgen reichen weit über den Energiemarkt hinaus. Bleibt Öl und Gas dauerhaft teuer, steigen die Verbraucherpreise, während die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte sinken. Besonders verwundbar ist Europa, wo die Importabhängigkeit auf eine bereits schwache Binnennachfrage trifft. Anhaltende Energieinflation bei geringem Wachstum würde das Risiko einer Stagflation wieder deutlich erhöhen.

Geldpolitik bleibt auf restriktivem Kurs

Die Zinserhöhungen der Federal Reserve, der Europäischen Zentralbank und der Bank of Japan im September machen deutlich, wie wichtig den Zentralbanken die Preisstabilität ist. Seit September 1980 haben die drei wichtigsten Währungshüter der Welt nicht mehr gleichzeitig an der Zinsschraube gedreht.

Die Federal Reserve erhöhte ihr Zielband am 16. September um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,0 Prozent. Angesichts der robusten US-Konjunktur bleibt ein weiterer Zinsschritt bis zum Jahresende möglich. Die Märkte preisen zudem zusätzliche Erhöhungen im Jahr 2027 ein. Dahinter steht die Erwartung, dass überdurchschnittliches Wachstum und eine erhöhte Inflation länger restriktive Finanzierungsbedingungen erfordern.

Die Europäische Zentralbank verfügt über weniger Spielraum. Das Wachstum ist schwächer, während der jüngste Inflationsschub überwiegend von den Energiepreisen ausgeht. Sollte die Binnennachfrage deutlich nachlassen, könnten sich die in den Zinskurven enthaltenen Erwartungen als überzogen erweisen.

Damit zeichnen sich unterschiedliche geldpolitische Ausgangslagen ab. Die Federal Reserve kann entschlossener gegen die Inflation vorgehen. Die Europäische Zentralbank muss dagegen stärker auf konjunkturelle Risiken Rücksicht nehmen. Eine schnelle Lockerung wird für beide schwieriger, solange die Energiepreise zusätzlichen Inflationsdruck erzeugen.

Staatsanleihen kämpfen mit einer Angebotsflut

Die steigenden Anleiherenditen sind nicht allein das Ergebnis der Geldpolitik. Eine kräftig wachsende staatliche Emissionstätigkeit und Zweifel an der Tragfähigkeit der öffentlichen Verschuldung treiben die Risikoprämien besonders am langen Ende der Zinskurve nach oben.

Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen erreichte mit rund fünf Prozent den höchsten Stand seit 2007. Auch in Europa zogen die Zinsen an. Gleichzeitig richtet sich der Blick der Anleger:innen stärker auf die Haushaltslage und politische Stabilität der einzelnen Emittenten.

Das größere Angebot kann vor allem Anleihen mit langen Laufzeiten weiter belasten, selbst wenn die Leitzinsen ihren Höchststand bald erreicht haben. Je mehr Schuldtitel der Markt aufnehmen muss, desto höher fällt die von Investierenden verlangte Vergütung aus.

Auch Unternehmensanleihen geraten durch das wachsende Angebot unter Druck. Wenn Staaten und Unternehmen gleichzeitig mehr Kapital aufnehmen, wird ein größerer Teil der Anlegernachfrage gebunden. Der Spielraum für eine weitere Einengung der Kreditaufschläge schrumpft. Umso wichtiger werden Bilanzqualität, Kapitalausstattung und Schuldentragfähigkeit der einzelnen Emittenten.

Steigende Zinsen bremsen die Aktienbewertungen

La salita dei tassi pone un freno ai multipli azionari
 

Auch Unternehmensanleihen geraten durch das wachsende Angebot unter Druck. Wenn Staaten und Unternehmen gleichzeitig mehr Kapital aufnehmen, wird ein größerer Teil der Anlegernachfrage gebunden. Der Spielraum für eine weitere Einengung der Kreditaufschläge schrumpft. Umso wichtiger werden Bilanzqualität, Kapitalausstattung und Schuldentragfähigkeit der einzelnen Emittenten.

Hohe Renditen setzen Aktienbewertungen unter Druck

In der ersten Sommerhälfte profitierten die Aktienmärkte von der stabilen Konjunktur und robusten Unternehmensgewinnen. Seit September sorgen höhere Energie- und Kapitalkosten sowie wachsende geopolitische Risiken jedoch für mehr Volatilität und Kurskorrekturen.

Der US-Aktienmarkt erhält weiterhin Rückenwind von der vergleichsweisen starken Wirtschaft. Gleichzeitig machen ihn hohe Bewertungen anfälliger für Rückschläge. Europäische Aktien sind günstiger bewertet, reagieren aber empfindlicher auf Energieschocks, Stagnationsrisiken und höhere Renditeaufschläge bei Staatsanleihen.

Für den Herbst spricht daher vieles für eine Konsolidierungsphase. Besonders begrenzt erscheint das Kurspotenzial in Branchen, deren Bewertungen dauerhaft kräftige Gewinnzuwächse voraussetzen.

Eine Erholung zum Jahresende bleibt möglich. Voraussetzung wären stabilere Anleiherenditen und nachlassende Spannungen an den Energiemärkten. Die Unterschiede zwischen Branchen und Unternehmen sowie die Qualität der ausgewiesenen Gewinne bleiben das wichtigste Selektionskriterium.

Der KI-Boom steht vor seinem Belastungstest

Besondere Aufmerksamkeit verdient der US-Technologiesektor. Erwartungen an künstliche Intelligenz und milliardenschwere Investitionen in digitale Infrastruktur hatten die Aktienindizes in der ersten Jahreshälfte maßgeblich gestützt.

Nun muss sich zeigen, ob sich dieses Investitionstempo durchhalten lässt. Die wachsende Verfügbarkeit günstigerer chinesischer Open-Source-Modelle könnte die Gewinnmargen US-amerikanischer Anbieter unter Druck setzen und die wirtschaftlichen Perspektiven digitaler Infrastrukturen verändern.

Sinkende Investitionen wären dabei nicht zwangsläufig ein Warnsignal. Gehen sie auf eine effizientere Nutzung von Kapital und Rechenleistung zurück, könnten die Unternehmen ihre Cashflows verbessern. Problematischer wäre eine geringere Investitionstätigkeit, wenn sie Ausdruck einer strukturell schwächeren Nachfrage wäre.

Entscheidend ist damit, ob die durch künstliche Intelligenz erzielten Gewinnzuwächse ausreichen, um die hohen Bewertungen trotz gestiegener Kapitalkosten zu rechtfertigen. Lässt die Investitionsdynamik nach, geraten gerade jene Technologiesegmente unter Druck, die bislang zu den wichtigsten Stützen des Aktienmarktes gehörten.

Die Wahlen werden zum zusätzlichen Marktrisiko

Mit den näher rückenden US-Zwischenwahlen nimmt auch die politische Unsicherheit zu. Ein gespaltener Kongress könnte neue fiskalpolitische Vorhaben blockieren. Der Handlungsspielraum des Weißen Hauses bei Zöllen und in der Außenpolitik bliebe davon jedoch weitgehend unberührt.

In Europa könnten politische Instabilität, schwaches Wachstum und ein steigender staatlicher Finanzierungsbedarf die Unterschiede bei den Zinsniveaus der einzelnen Staaten verschärfen. Politische Risiken werden damit zu einem zusätzlichen Auswahlkriterium.

Das Gleichgewicht bleibt fragil

Für die Finanzmärkte ist robustes Wachstum nicht zwangsläufig von Vorteil, wenn es den Inflationsdruck verstärkt, den Spielraum für Zinssenkungen einengt und die Phase hoher Anleiherenditen verlängert.

Duration wird aus strategischer Sicht zunehmend attraktiv. Für einen taktischen Einstieg fehlt jedoch weiterhin ein überzeugender Auslöser. An den Aktienmärkten verlangen hohe Bewertungen und ein restriktives Zinsumfeld nach größerer Selektivität. Ob die Märkte ein tragfähiges neues Gleichgewicht finden, hängt vor allem davon ab, ob die Inflation zurückgeht, ohne dass die Wirtschaft einbricht.

Alessandro Giubbilei
Alessandro GiubbileiHead of Global Markets
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