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Market View

 

 

Market View ist unsere periodisch erscheinende Rubrik mit vertiefenden Einblicken in Finanzmärkte und Konjunktur. Sie wird von unseren Investmentteams erstellt und bietet Analysen und Ausblicke, die bei fundierten Entscheidungen im Portfoliomanagement unterstützen.

März 2026

News

Märkte im Spannungsfeld von Geopolitik KI und privaten Unternehmenskrediten.

20. März 2026

Die globalen Finanzmärkte sehen sich derzeit mit mehreren Risikofaktoren zugleich konfrontiert. Der Konflikt im Iran und die Gefahr eines Energieschocks, Unsicherheiten in der US-Zollpolitik, strukturelle Umbrüche durch künstliche Intelligenz sowie wachsende Spannungen bei privaten Unternehmenskrediten überlagern sich. Ihr Zusammenspiel macht das Umfeld für Investoren derzeit besonders schwer einschätzbar.

Iran-Konflikt und Energieschock.

Der Konflikt im Iran ist derzeit der wichtigste externe Schock für die Finanzmärkte. Die Straße von Hormus ist de facto fast vollständig geschlossen: Nur wenige Schiffe passieren die Meerenge, vermutlich vor allem solche, die iranisches Öl in Länder bringen, welche die westlichen Sanktionen bisher ignoriert haben. Die Unterbrechung der Transporte ließ die Öl- und Flüssiggaspreise rasch steigen. Im Ölmarkt dämpfen noch vorhandene Produktionsreserven und eine nachlassende Nachfrage die Preisspitzen etwas, doch das Risiko einer weiteren Eskalation bleibt hoch.

Die Auswirkungen auf den europäischen Gasmarkt sind deutlicher spürbar. Europa wird hauptsächlich von den USA und Norwegen versorgt, während die Hauptabnehmer der Golfregion asiatische Staaten sind. Trotzdem bleibt Europa weiterhin vom Gas abhängig. Die Konkurrenz um Flüssiggas aus Asien treibt die Preise zusätzlich nach oben, verschärft durch niedrige Lagerbestände kurz vor der Sommerauffüllung (Siehe Grafik).

Höhere Gas- und Ölpreise treiben die Inflation spürbar nach oben, ihr Ausmaß hängt jedoch stark von der Dauer des Konflikts ab. Ein länger anhaltender Energieschock dürfte die Geldpolitik beeinflussen und die Zentralbanken dazu veranlassen, ihre Inflationseinschätzungen anzupassen, was den Zeitpunkt und die Richtung künftiger Leitzinsentscheidungen verschieben kann.

KI belastet Technologie- und Mediensektoren.

Parallel zum geopolitischen Schock stehen Technologie- und Medienwerte seit einigen Wochen unter Druck. Ihre Bewertungsmultiplikatoren korrigierten sich infolge der negativen Marktbewegung nach unten. Ursache dafür ist eine tiefgreifende strukturelle Veränderung: Künstliche Intelligenz untergräbt etablierte Geschäftsmodelle in Medien, Werbung und herkömmlicher Software, und die Tendenz ist mittelfristig nicht reversibel.

In dieser Phase richten Investoren ihren Blick weniger auf traditionelle Sektoren wie Technologie oder Nicht-Technologie. Entscheidend ist, welche Unternehmen direkt von der KI-Transition profitieren – etwa Halbleiterhersteller, Anbieter von Cloud-Infrastruktur, Datenmanagementlösungen oder Energieversorger für Rechenzentren – und welche dadurch unter Druck geraten. Die selektive Sichtweise wird zunehmen, je stärker Unternehmen KI in ihren Geschäftsprozessen einsetzen.

US-Zollpolitik bleibt unberechenbar.

Auch die Handelspolitik in den USA sorgt für Unruhe an den Märkten. Die jüngste Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, bestimmte Zölle für rechtswidrig zu erklären, hat die Unsicherheit nicht verringert. Die Regierung versucht, ihre Zölle unter Berufung auf andere Gesetzespassagen aufrechtzuerhalten und damit die isolationistische Ausrichtung der Handelspolitik beizubehalten.

Ein weiterer kritischer Faktor, der noch von untergeordneten Gerichten geklärt werden muss, betrifft die Frage, ob die als illegal eingestuften Zölle rückerstattet werden müssen. Dies trägt zusätzlich zur Unvorhersehbarkeit aller zollbezogenen Entscheidungen bei, erschwert die Investitionsplanung und die Steuerung globaler Lieferketten und wirkt wie ein stiller Wachstumshemmfaktor, dessen Auswirkungen je nach Branche und Region unterschiedlich ausfallen.

Stress im Private Credit.

Auch im Markt für private Unternehmenskredite zeigen sich erste Spannungen. Vor allem in den USA sehen sich auf diesem Gebiet spezialisierte Fonds zunehmenden Rücknahmeforderungen von Investoren gegenüber. Niedrigere Renditen als erwartet, Ausfälle auch bei größeren Schuldnern und ein weniger günstiges makroökonomisches Umfeld veranlassen immer mehr Anleger, ihre Anteile zu veräußern. Viele Verkaufsaufträge in kurzer Zeit stellen diese Vehikel aufgrund ihrer illiquiden Investitionen vor Probleme. Die Portfoliomanager können nur auf begrenzte liquide Mittel aus geplanten Rückflüssen und Kuponzahlungen zurückgreifen und müssen unter Umständen Vermögenswerte am Sekundärmarkt mit deutlichen Abschlägen gegenüber ihrem geschätzten fairen Wert verkaufen.

Füllstand der Gasspeicher in Europa

Grafico dell’andamento (immagine fornita dall’utente)

Diese erzwungene Preisfindung belastet die Performance der Fonds und kann weitere Ausstiegsforderungen auslösen. Die Dynamik erinnert an frühere Stressphasen im Bereich alternativer Anlagen. Systemisch ist das Risiko derzeit noch nicht, doch der Bereich wird von Marktteilnehmern mit wachsender Aufmerksamkeit beobachtet.

Auswirkungen auf Märkte.

Die beschriebenen Entwicklungen spiegeln sich zunehmend in den wichtigsten Anlageklassen wider. Geopolitische Spannungen im Nahen Osten, strukturelle Veränderungen durch künstliche Intelligenz, Unsicherheiten in der Handelspolitik, mögliche geldpolitische Anpassungen infolge höherer Energiepreise sowie wachsende Spannungen im Markt für private Unternehmenskredite wirken gleichzeitig auf die Finanzmärkte und verändern die Rahmenbedingungen für Investoren.

Auf dem Anleihemarkt zeigen sich die Folgen entlang der gesamten Zinskurve. Die Krise im Persischen Golf reduziert das Angebot von Öl und Gas, treibt die Inflation nach oben und belastet zugleich das Wirtschaftswachstum – ein Szenario, das oft als Stagflation bezeichnet wird. Am langen Ende der Kurve wirkt der Druck in beide Richtungen: nach oben durch die gestiegene Inflation, nach unten durch die schwächeren Wachstumsaussichten. Hinzu kommt, dass eine expansive Fiskalpolitik – etwa zur Abfederung steigender Energiekosten oder zur Finanzierung erhöhter Militärausgaben – zusätzliche Aufwärtskräfte auf die langfristigen Zinsen ausübt, sofern sie über neue Schulden finanziert wird. Auf einen kurzfristigen Angebotsschock reagieren die Zentralbanken in der Regel nicht. Drohen sich die Inflationserwartungen jedoch mittelfristig auf einem höheren Niveau zu stabilisieren, erhöhen sie die Leitzinsen. Dann steigen auch die Renditen am kurzen Ende der Zinskurve, und zwar meist stärker als am langen Ende. Höhere Renditen bedeuten Kursverluste bei Anleihen, die umso größer ausfallen, je länger die Laufzeit ist. Bei kurz laufenden Papieren ist der Anteil der Zinszahlungen an der Gesamtperformance jedoch höher, sodass sie trotz steigender Zinsen eine positive Rendite erzielen können.

Am Aktienmarkt erfordert die Einschätzung des aktuellen Umfelds eine klare Trennung zwischen kurzfristigen Entwicklungen – geprägt von geopolitischer Unsicherheit und der Volatilität der Energiepreise – und strukturellen Veränderungen, die durch technologische Disruption ausgelöst werden. Kurzfristig führt der Energieschock zu einer Sektorrotation zugunsten von Unternehmen in den Bereichen Verteidigung und Energie, während Branchen, die stark von Energiekosten und konjunkturellen Schwankungen abhängen, unter Druck geraten. Auf längere Sicht hat die zunehmende Bedeutung von KI in den Geschäftsprozessen eine größere Relevanz als die geopolitische Lage. Der Markt lernt zunehmend, zwischen Unternehmen zu unterscheiden, die die KI-Transition vorantreiben oder davon profitieren, und solchen, deren Geschäftsmodell durch KI unter Druck gerät. Die gleichzeitige Wirkung dieser Faktoren – Energieschock, technologische Disruption und Handelsrisiken – führt zu wachsender Streuung der Wertentwicklung zwischen Sektoren und einzelnen Unternehmen, weshalb sich eine selektive Titelauswahl deutlich stärker auszahlt als eine undifferenzierte Marktexponierung.

Den gemeinsamen Nenner zwischen Anleihen- und Aktienmärkten bildet in der aktuellen Marktlage das Risiko einer Stagflation. In diesem Kontext verlieren traditionell ausgewogene Portfolios einen Teil ihres Diversifikationswertes, weil die Korrelation der Preisbewegungen zwischen Aktien und Anleihen dazu tendiert, positiv zu werden. Hier helfen eine aktive Verwaltung der Anleihelaufzeiten und die selektive Titelauswahl bei Aktien.

Foto autore
Alessandro Giubbilei Head of Global Markets
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